Steife Brise INPUT

Zeige mir, was du sammelst, und ich sage dir, wer du bist!

Glaubt man der Statistik, sind es 87 % der Deutschen, die einer Sammelleidenschaft folgen. Das sind 8 von 10 Menschen. Also, Sie und Sie und Sie auch. Meine Tochter zählt auch dazu. Sie sammelt Steine.Seitdem sie greifen kann, verstaut sie unbemerkt Steine in allem, was sich zum Transport eignet: Tüten, Taschentücher, die Jackentaschen der Schwester. Überall sammelt sie Steine. Anfangs in jeder Ecke der Wohnung versteckt füllen sich mittlerweile Sortierkästchen in ihrem Zimmer, in die sie neben Edelsteinen und selbst gefundenen Fossilien in Bachbetten auch Spielplatzfunde und Gartenschätze sortiert. Die anfängliche Verzweiflung – Wo soll das alles hin? Was ist mit der Statik des Zimmerbodens? – ist einer breiten Gelassenheit gewichen, die Sammelleidenschaft meiner Tochter hat gesiegt.

Aber woher kommt bloß die Lust am Sammeln? Und noch erstaunlicher ist, WAS der Mensch der Industriegesellschaften alles sammelt: Schrauben, Porzellan, Gemälde, Bücher, Herzschrittmacher, Unterhosen, Schuhe, Telefonkarten, Spuckbeutel aus Flugzeugen, Fotos von Hotel-Teppichböden… Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Und erstaunlich auch, dass sich kulturhistorisch betrachtet in jedem Zeitalter, begonnen mit der Steinzeit bis hin zur hoch entwickelten Zivilisation, und in nahezu jeder Kultur jegliche Arten von Sammlungen, Ordnungssystemen, Kuriositätenkabinette, Bibliotheken und wissenschaftlich geordnete Museen wiederfinden.

„Die Gründe für eine ausgeprägte Sammelleidenschaft sind vielschichtig“, lese ich in einer psychologischen Abhandlung. Zu unterscheiden sind der frühkindliche Sammeltrieb, die Sammellust oder die Sammelsucht. „Die Lust am Jagen, Entdecken und Besitzen spielt eine große Rolle, aber oftmals wird damit auch eine Sehnsucht, Verlust oder Angst kompensiert. Sie können ein Gefühl von Sicherheit und sogar Gesellschaft vermitteln. Es kommt natürlich auch sehr darauf an, was gesammelt wird.“ Das Objekt der Sammelbegierde lässt viele Rückschlüsse auf die Persönlichkeit zu.

Und was sagt das nun über meine Tochter aus? Sammlertypen, die Steine sammeln, sind besonders verträumte Zeitgenossen, lese ich. Stimmt. Mit der Sammlung wollen sie sich in kleinen Inseln des Alltags daran erfreuen und sich ein wenig wegträumen. Stimmt. Ihren treuen Freundeskreis erheitern sie mit kleinen Anekdoten rund um die Gegenstände, die sie aufgesammelt haben. Stimmt.

Und was sammeln Sie so?

In unserer Rubrik Steife Brise INPUT möchten wir Ihnen Anregungen für Ihren Business-Alltag geben. Meist sind es die kleinen Gedanken oder unerwarteten Ideen, die uns helfen, aus Denkmustern zu entkommen. Wir möchten Ihnen nicht vorenthalten, womit wir uns beschäftigen, was uns inspiriert, anregt, fordert, interessiert und ein Quell der Freude bei der Arbeit ist.

Literaturtipps:

Werner Muensterberger: Sammeln. Eine unbändige Leidenschaft. Psychologische Perspektiven. Suhrkamp Verlag
Manfred Sommer: Vom Sammeln. Ein philosophischer Versuch. Suhrkamp Verlag
Krzystof Pomian: Der Ursprung des Museums: Vom Sammeln. Verlag Klaus Wagenbach
Jean Baudrillard: Das System der Dinge: Über unser Verhältnis zu den alltäglichen Dingen. Campus Bibliothek

Geschrieben am 16. September 2015 von Carmen Below